Statement Bettina Lidzba
Kurz nach der Bewerbungsfrist erhielt ich die Zusage, im Frühling vier Wochen auf Hof Scharrlberg in der Lüneburger Heide verbringen zu dürfen. Die ersten Tage verbrachte ich hauptsächlich mit Spaziergängen, auf denen ich erste Inspirationen für meine Arbeit sammelte und auf dem Land langsam ankam. Weit abgeschieden von der Großstadt hatte ich viel Zeit, ungestört zu arbeiten.
Die Ruhe und diese Zeit ohne Druck ließen viel Raum zum Experimentieren. Das Experimentieren führte mich am Ende zu einem neuen Werk: Verfall und Strukturen. Eine Projektions-Installation mit einem Diaprojektor, bei dem 80 Dias auf Endlosschleife laufen. In die Diarahmen habe ich Pflanzenteile mit Schädlingsbefall, Pilzbefall, Alterungsspuren gelegt und arrangiert, so dass eine
unsystematische phytopathologische Aufnahme der Umgebung entstand. Außerdem fertigte ich relativ großformatige abstrakte Zeichnungen an, die ihren Inspirationsursprung in der nahe gelegenen Heidelandschaft hatten.
Das Zusammenleben und der künstlerische Austausch mit meiner Mitstipendiatin Verena war sehr inspirierend und schön. Neben vielen kleinen, großen und tiefen Gesprächen gehörte das gemeinsame abendliche Kochen zum Alltag. Ich möchte mich bei den Stiftern für die Möglichkeit, so ungestört und frei arbeiten zu können, herzlich bedanken.
Projektskizze Bettina Lidzba
In meiner Malerei und Zeichnung bin ich in den letzten Jahren immer mal wieder vom Figürlichen zum Abstrakten und vom Abstrakten zum Figürlichen gewechselt. Ausgangspunkt ist aber meistens das Konkrete – oft Landschaften, von denen ich dann zur Abstraktion komme. In meiner abstrakten Malerei ist ein grundlegendes Thema Beziehung. Wie stehen zwei oder mehr Elemente zueinander? Was bedeutet eine bestimmte Konstellation? Wie nehmen Elemente Bezug aufeinander? Sind Abstoßungen, Anziehungen, Hierarchien zu finden? Auch an Landschaften interessiert mich nicht nur die rein ästhetische Seite, sondern was noch in Ausschnitten und Konstellationen liegen kann. Wie stehen zwei Berge zueinander? Oder was sagt eine solitäre Bergspitze aus? Dabei habe ich vor allem mit verschiedenen Mal- und Zeichenmaterialien experimentiert und es sind Mixed-Media-Bilder entstanden. Auch wenn in den letzten drei Jahren eine Figur in die sehr figürlichen Bilder Einzug gehalten hat, möchte ich gerne meine dazu parallel verfolgten abstrakten Bilder fortsetzen und weiterentwickeln. Dazu möchte ich während des Aufenthalts in Steinbeck das Material Papier als Zeichnungsgrundlage und verschiedene Zeichenmaterialien untersuchen. Je nach Beschaffenheit, wie beispielsweise der Oberflächenstruktur, Dicke oder Saugfähigkeit, reagiert Papier anders auf diverse Zeichenmaterialien wie Graphit, Kohle, Kreide oder Tusche. Jedes Zeichenmaterial verhält sich aufgrund seiner eigenen Eigenschaften in Kombination mit der spezifischen Papieroberfläche unterschiedlich, was eine Vielzahl an interessanten Effekten und Wechselwirkungen ermöglicht. Diese Eigenschaften möchte ich gezielt erforschen und darüber hinaus das
Papier nicht nur als passiven Träger von Zeichnungen, sondern als aktives Element in meinen Arbeiten einsetzen. Indem ich das Papier selbst bearbeite, will ich es in den künstlerischen Prozess integrieren und die Grenzen zwischen Zeichnung und Objekt auflösen. Dazu werde ich das Papier auch weiter bearbeiten und mit Materialien verändern, vielleicht bis zur teilweisen Zerstörung, so dass vielleicht eher Objekte entstehen als herkömmliche Zeichnungen. Ob es abstrakt oder landschaftlich wird, wird sich vor Ort zeigen, da noch offen ist, in wie weit ich mit der Bearbeitung des Papiers komme oder ob die Bearbeitung schon Resultat genug ist. Mit Sicherheit werden die Zeichnungen oder Objekte landschaftlich inspiriert sein.