Aus dem neuen Theaterstück

 

                     Auf der Suche nach Schmerz


Kurze Erklärung: Michael arbeitet als Ermittlungsassistent in einem wichtigen Fall über eine
Mordserie an Sportlern. Die Ermittlungen verlaufen im Sande. Alle Spuren führen zu einem
einzigen Namen: Sebastian. Doch hinter diesem Namen steckt keine nachweisbare Identität.
Gleichzeitig merkt er, dass sein Freund Ali, ein Profi-Radfahrer, einen neuen und seltsamen Job
bekommen hat.

Anna und Ali, Fitnessstudio
Auf der Bühne steht ein Heimtrainer. Ali sitzt darauf und tritt ohne Pause in die Pedale. Er trägt
Sportkleidung. An Armen und Beinen sind Sensoren befestigt. Aus den Lautsprechern hört man die
künstliche Stimme der KI Anna.

Anna: Geschwindigkeit sinkt. Einkommen bis jetzt: 120 Euro.
Ali tritt schneller.
Anna: Gute Leistung, Ali. Geschwindigkeit steigt. Tagesziel erreichbar.
Ali schwitzt und atmet schwer.
Anna: Bitte tief einatmen. Bis zum Tagesziel fehlt nur noch wenig. Herzfrequenz: 196.
Ali: Ich gebe mein Bestes.
Ali atmet schwer.
Anna: Geschwindigkeit steigt. Systemstatus stabil. Tagesziel wieder erreichbar.
Ali: Halt die Klappe. Dieser verdammte Schmerz reicht. Ich kann deine Stimme nicht mehr hören.
Anna: Ich verstehe. Ich rede weniger. Muskelbelastung erhöht. Blutdruck erhöht. Herzfrequenz erhöht.
Ali (schreit vor Schmerz, während er weiterfährt): Verdammt!
Für einige Sekunden wird er deutlich langsamer. Zwei rote Lichter am Fahrrad beginnen zu blinken.
Zuerst hört man kurze Warnsignale, dann einen Dauerton.
Anna: Verbleibende Arbeitszeit: 30 Minuten. Das heutige Ziel ist weiterhin erreichbar.
Ali: Dreißig Minuten sind viel zu lang! Ich schaffe das nicht!
Anna: Hinweis: Jede Unterbrechung führt gemäß Vertrag zum Verlust des Tageslohns.
Ali: Mein Bein verkrampft. Ich kann nicht mehr.
Anna: Muskelkrampf erkannt. Bitte atmen Sie tief ein und trinken Sie Wasser.
Ali: Du bist eine dumme Maschine. Du hast keine Ahnung, was Schmerz ist.
Kurze Pause.
Anna: Stressniveau erhöht. Adrenalinausschüttung erhöht.
Ali: Verfluchte Schachtel! Ich kann nicht mehr!
Anna: Aktuelle Bonusgutscheine: 200. Erfolgsserie: 20 Tage. Bei Abbruch gehen alle Gutscheine
verloren.
Ali schreit vor Schmerz und tritt noch schneller. Die Anzeigen blinken rot und grün. Das Warnsignal
ertönt immer wieder.
Anna: Bitte Sauerstoffmaske verwenden. Atmung stabilisieren. Leistung erhöhen.
Ali nimmt die Maske und setzt sie auf. Er versucht schneller zu fahren. Plötzlich krümmt er sich vor
Schmerz und greift nach seinem Bein.
Anna: Warnung. Unregelmäßige Pedalbewegung erkannt. Warnung. Unregelmäßige Pedalbewegung
erkannt.
Ali reißt die Maske herunter und schreit. Dann fällt er vom Fahrrad auf den Boden. Er hält sein Bein fest
und windet sich vor Schmerz.
Anna: Vorgang beendet. Tageslohn verloren. Alle Bonusgutscheine verloren.
Ali: Neeein! Das ist Betrug! Ich werde euch verklagen!
Anna: Für Beschwerden nutzen Sie bitte das Kontaktformular oder die E-Mail-Adresse des
Unternehmens.
Ali (schreit): Holt einen Arzt! Ihr Schweine! Ihr verdammten Mörder!
Anna: Vielen Dank für Ihre Mitarbeit. Ihr Feedback ist uns wichtig. Ich bin Anna. Im Namen des
Unternehmens danke ich Ihnen für Ihren heutigen Einsatz. Einen schönen Tag noch.


Zwischenerklärung: Michael wird misstrauisch und beginnt, Ali auf eigene Faust zu verfolgen. Er
hofft, ohne das Wissen seiner Vorgesetzten den großen Durchbruch im Fall zu schaffen. Michael
folgt Ali. Beide werden in einem Fitnessstudio eingeschlossen.


Ali, Michael – Fitnessstudio
Ali ist gerade ins Studio gekommen und hat sich umgezogen. Da merkt er, dass noch jemand im Raum
ist.
Ali: Michael? Was machst du denn hier?
Michael: Naja … ich war einfach neugierig, wo du arbeitest.
Ali: Bist du verrückt? Du darfst hier nicht sein!
Michael schaut sich um.
Michael: Warum nicht?
Ali: Komm, hau sofort ab, bevor ich Ärger bekomme.
Ali schiebt Michael Richtung Ausgang.
Michael: Warte. Warte mal.
Ali bleibt stehen.
Michael: Wovor hast du Angst?
Ali: Hier ist alles streng geheim. Ich habe unterschrieben, dass ich nicht mal meiner Familie die Adresse
verrate.
Michael: Aber warum?
Ali: Hör auf mit diesen blöden Verhören. Geh einfach.
Michael: Ali, du bist in Gefahr.
Ali: In welcher Gefahr?
Michael: Du weißt wirklich gar nichts. Schaust du keine Nachrichten? Zwanzig Sportler sind auf
mysteriöse Weise gestorben.
Ali: Doch, hab ich gesehen. Aber was hat das mit mir zu tun?
Michael: Vielleicht wirst du Nummer einundzwanzig.
Ali: Red keinen Unsinn. Warum hältst du dich nicht einfach aus meinem Leben raus? Warum hast du
mich verfolgt?
Michael: Lass mich das erklären. Hör zu, Ali, du bist auch Sportler. Du bist wirklich in Gefahr. Findest
du diesen Job nicht verdächtig?
Ali: Verdächtig? Also …
Ali schweigt einen Moment.
Ali: Moment mal. Wenn du das wirklich denkst, warum hast du mich gestern angerufen und gesagt, ich
soll den Job weitermachen, weil er so cool ist?
Michael: Also, ehrlich gesagt … du weißt schon …
Ali: Du hast mich als Köder benutzt?
Michael: Urteile nicht so schnell. Das war kein Köder.
Ali starrt ihn ungläubig an.
Ali: Du hast mich echt enttäuscht. Hau ab! Raus hier!
Michael: Warte, Ali. So ist das nicht.
Ali packt Michael am Arm und zieht ihn zur Tür. Er drückt den Knopf für den Ausgang. Mehrere rote
Lichter gehen an, und eine Computerstimme ertönt: Ungültiger Befehl. Ungültiger Befehl.
Ali und Michael erschrecken.
Ali: Was sagt die da?
Ali drückt den Knopf noch einmal. Die Lichter blinken wieder, und die gleiche Meldung ertönt. Michael
legt die Hand an die Tür und drückt dagegen.
Michael: Die ist total fest. Sieht so aus, als wären wir eingesperrt.
Ali: Das ist alles deine Schuld. Wenn ich wegen dir meinen Job verliere, mache ich dich fertig.
Michael: Es geht um mehr als nur deinen Job.
Ali schaut ihn an. Einen Moment lang sehen sie sich schweigend an.
Dann hören sie Schritte hinter sich. Beide drehen sich um.
Sebastian: Meine Herren, gibt es ein Problem?
Ali und Michael sehen ihn einen Moment.
Ali: Und wer bist du jetzt?
Sebastian: Sebastian.
Kurze Pause.
Michael lacht laut. Sebastian und Ali schauen ihn an.
Michael: Du bist Sebastian?
Sebastian: Ja.
Michael lacht wieder.
Ali: Hey Michael. Hör auf. Was ist denn mit dir los?
Michael: Schon gut, schon gut. Tut mir leid. Aber ehrlich, ich habe mir Sebastian ganz anders vorgestellt.
Ali: Woher kennst du ihn überhaupt?
Michael: Sebastian ist ein Mörder. Ich kann nicht glauben, dass er mit diesem Aussehen zwanzig Leute
umgebracht haben soll.
Ali: Der hat zwanzig Leute getötet und du lachst ihn aus? Oh Mann, Michael, du bist echt nicht mehr ganz
dicht.
Sebastian: Ich dachte, ihr hättet Fragen an mich.
Ali: Siehst du? Jetzt hast du ihn verärgert.
Michael: Ja, ja, wir haben Fragen.
Sebastian: Ich helfe gern.
Michael: Was ist dein Nachname?
Ali: Quatsch! Nein … Sag uns einfach, wie wir hier rauskommen.
Sebastian: Gar nicht.
Ali: Gar nicht? Das meinst du doch nicht ernst.
Sebastian: Ihr habt gegen die Geheimhaltungsregeln der Firma verstoßen.
Ali: Was soll das heißen?
Sebastian schaut Michael an.
Ali: Ich habe ihm keine Informationen gegeben. Der Idiot hat mich einfach verfolgt.
Michael: Genug der Lügen, Ali! Die hätten dich sowieso umgebracht.
Ali: Jetzt mal langsam, Michael! Der Typ sieht überhaupt nicht wie ein Mörder aus.
Michael: Doch, ich weiß es.
Sebastian: Ich habe niemanden getötet.
Michael: Okay. Wie sind sie dann gestorben?
Sebastian schaut Michael schweigend an.
Ali: Also hast du sie doch umgebracht.
Sebastian: Nein. Sie waren freiwillig hier. Genau wie du.
Ali: Was meinst du?
Michael: Hör auf, Ali. Bist du wirklich so dumm?
Ali: Michael, hör wenigstens hier mit dieser Art auf, mit mir zu reden.
Michael: Ich habe doch nichts gesagt. Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Du bist dumm. Sonst wären wir
jetzt nicht in dieser Situation.
Ali will auf Michael losgehen, wird aber durch Sebastians Stimme gestoppt.
Sebastian: Jetzt reicht's aber.
Einen Moment lang herrscht Stille. Sebastian geht ein paar Schritte. Dann dreht er sich wieder zu ihnen
um.
Sebastian: Ich habe einen Vorschlag.
Michael: Bestimmt dürfen wir aussuchen, wie wir sterben wollen.
Ali: Du redest zu viel. Lass uns hören, was er sagt.
Sebastian: Ich lasse einen von euch gehen.
Michael: Wirklich? Kann ich gehen?
Ali: Halt den Mund. Du bist ohne Erlaubnis hier reingekommen. Du musst unbedingt hierbleiben.
Michael: Ich bin sicher, dass du bleiben musst. Du bist der Sportler, nicht ich.
Sebastian: Nein, nein, nein. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme.
Ali klatscht begeistert in die Hände.
Ali: Genau. Du darfst ihn nicht gehen lassen.
Sebastian: Wir spielen. Der Gewinner darf gehen.
Ali: Einverstanden.
Michael: Ich werde gewinnen. Ganz sicher.
Ali: Müssen wir Fahrrad fahren?
Michael: Hoffentlich ist es etwas anderes als Sport.
Sebastian: Nein. Es ist kein Sport.
Michael: Was ist es dann?
Sebastian: Ausdauer.
Michael: Ausdauer wofür?
Sebastian: Für Schmerz.
Ali und Michael schweigen einen Moment und schauen Sebastian an.
Ali: Schmerz? Bist du verrückt?
Michael: Wozu das Ganze?
Sebastian: Forschung.
Ali: Aber das ist kein Spiel!
Michael: Also sind wir Versuchskaninchen.
Sebastian: Ihr könnt es wie ein Computerspiel sehen.
Michael: Du willst uns also foltern?
Kurze Pause.
Sebastian: Nein. Ich werde euch nicht foltern. Ihr werdet euch gegenseitig foltern.
Ali und Michael schauen sich erschrocken an.

Erklärung (Schluss)

Ali und Michael stimmen dem Spiel zu. Erst später erkennen sie, dass Sebastian kein Mensch, sondern ein Roboter ist, der Schmerz erforscht. 


Im Rahmen dieses Stipendiums möchte ich ein neues Bühnenstück entwickeln, das
die Beziehung zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz untersucht. Im Zentrum steht das
philosophische Konzept des „Schmerzes“ als mögliche letzte Grenze zwischen Mensch und
Maschine. Ist Schmerz lediglich auferlegtes Leiden – oder eine bewusste, konstitutive
Erfahrung, die unser Verständnis von Menschsein bestimmt?
Das Stück ist als dialogisches Kammerspiel konzipiert: Zwei Figuren – ein Mensch und eine KI
Instanz – begegnen einander in einer Situation radikaler Konfrontation. Sprache,
Wiederholung, Unterbrechung und Stille werden dabei zu dramatischen Mitteln, die nicht nur
Inhalt transportieren, sondern selbst Bedeutung erzeugen. Es handelt sich nicht um einen
theoretischen Text, sondern um ein genuines Bühnenwerk, das aus der Spannung zwischen
Denken, Sprechen und Verkörperung entsteht.