Verena Kern

Projektskizze

Im Rahmen des Aufenthalts am Hof Scharrlberg möchte ich eine grafische Arbeit („untold stories“) fortführen, die sich mit Naturerfahrung, inneren und äußeren Landschaften sowie der menschlichen Sehnsucht nach Wildnis beschäftigt. Die grafische Erzählung dient mir dabei als Mittel, die Natur selbst
zum Gesprächspartner zu machen und mit ihr die Frage nach einem freundschaftlichen Verhältnis auszuhandeln.
Ausgangspunkt ist eine Serie assoziativer Bildfolgen, in denen Pflanzen, Tiere und Landschaften zu Träger von Stimmungen, Gedanken und Fantasien werden. Die entstehende Arbeit möchte ich aus Tuschezeichnungen sowie aus Aquarell- und Acrylmalerei entwickeln. Als mögliche Ausgangsszenen stelle ich mir beispielsweise Spaziergänge im Wald vor, bei denen Pflanzen und Tiere beginnen, auf die Anwesenheit des Menschen zu reagieren oder mit ihm in Beziehung zu treten. Beobachtete  Naturformen können sich dabei langsam in abstrakte, poetische oder humorvolle Bildsituationen verwandeln. Außerdem interessiert mich die Vorstellung einer Transformation vom Menschen zum Pflanzenwesen. Auf diese Art möchte ich konkrete Bilder und Übersetzungen von einer (utopischen) Begegnung zwischen Natur und Menschheit finden. Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist die direkte Naturbeobachtung vor Ort. Während des  Aufenthalts möchte ich regelmäßig Skizzenbücher führen, in denen Pflanzenformen, Tiere, Landschaftsstrukturen und Lichtstimmungen festgehalten werden. Aus diesen Beobachtungen entstehen erste Bildfolgen, die reale Eindrücke mit Erinnerung und Imagination verbinden. Mich interessiert besonders, wie sich längere Zeit in Natur und Abgeschiedenheit auf meine Bildsprache auswirkt – ob sich Motive, Rhythmen oder Erzählweisen verändern, wenn die Arbeit stärker aus unmittelbarer Naturbeobachtung heraus entsteht.

Statement

Für eine zukünftige grafische Erzählung befasse ich mich mit den Themen Wildnis, Natursehnsucht und Mensch-Natur-Beziehung. Daher habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, im engen Kontakt mit der Natur Inspiration und Erfahrungen zu sammeln. Bei der Stiftung Atelier Kunst und Natur bin ich fündig geworden. Mitte April ging es dann schon los: Ankunft am Scharrlberg, mit dem Bus aus Lüneburg. Eingebettet zwischen Wald und Heidelandschaft bietet das riesige Anwesen viel Freiraum, Ruhe und Abgeschiedenheit.

Die Umgebung stellte sich als anders heraus als erwartet. Ich war weniger mit Wildnis als mit Nutzwald und der bizarren Eigentümlichkeit der Heidelandschaft konfrontiert. Die gelegentlichen Detonationen vom Truppenübungsplatz in Munster waren Teil einer zunächst ungewohnten Atmosphäre. Mit meiner Arbeit reagierte ich auf den Ort. Anfangs recherchierte ich noch viel mit den von mir mitgebrachten Büchern, später konzentrierte ich mich auf das Beobachten und Zeichnen. Ich unternahm viele kleine Wanderungen mit Skizzenheft und Handkamera, um Eindrücke festzuhalten, die später in die Aquarelle und Tuschzeichnungen einflossen.

Bei gutem Wetter nutzte ich gerne den Tisch draußen im Garten, um bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher zu zeichnen. Bei Regen wich ich auf das großzügige Wohnzimmer im Westflügel aus.

 

 

Einerseits hielt ich mich an den eigenen Plan der Entwicklung einer zukünftigen grafischen Erzählung. Andererseits wollte ich mich künstlerisch nicht einschränken lassen und den Freiraum eines Stipendiums auch zum freien Ausprobieren nutzen. Die Werkstatt bot sich für Bastelarbeiten an, und ich erprobte mich an kleinen Skulpturen aus Naturmaterialien. Daraus wurde letztendlich ein Wechselspiel zwischen Skulptur und Zeichnung, und bei der Abschlussausstellung griff alles gut ineinander. Der dunkle ehemalige Tabaktrocknungsraum war dafür ein toller Ort, um die entstandenen Werke zu präsentieren. Sehr angenehm war auch, dass ich mich während des gesamten Zeitraums nie unter Beobachtung oder unter Druck gesetzt gefühlt habe.

Das Zusammenleben und der Austausch mit meiner Mitstipendiatin Bettina bereicherten meine Residenzerfahrung. Auf persönlicher und künstlerischer Ebene konnten wir uns austauschen und gegenseitig inspirieren. Für mich war dies auch die Möglichkeit, mich außerhalb meines gewohnten Kreises zu vernetzen und andere künstlerische Arbeitsweisen mitzuerleben.

Die Zeit verging gefühlt wie im Fluge, und doch bin ich rückblickend erstaunt, wie produktiv ich insgesamt war. Nach Hause nehme ich tiefe Erholung, ein volles Skizzenheft und mehrere fertige Comicseiten mit. Es sind neue Ideen entstanden, die ohne die Erfahrungen vor Ort gar nicht möglich gewesen wären. Ein künstlerischer Fortschritt entstand auch durch die Möglichkeit, in aller Abgeschiedenheit über einen langen Zeitraum konzentriert in die eigene Arbeit abzutauchen. Ich danke den Stiftern, die diesen Freiraum geschaffen haben.