Bettina Lidzba

Projektskizze Bettina Lidzba

In meiner Malerei und Zeichnung bin ich in den letzten Jahren immer mal wieder
vom Figürlichen zum Abstrakten und vom Abstrakten zum Figürlichen gewechselt.
Ausgangspunkt ist aber meistens das Konkrete – oft Landschaften, von denen ich
dann zur Abstraktion komme. In meiner abstrakten Malerei ist ein grundlegendes
Thema Beziehung. Wie stehen zwei oder mehr Elemente zueinander? Was bedeu
tet eine bestimmte Konstellation? Wie nehmen Elemente Bezug aufeinander? Sind
Abstoßungen, Anziehungen, Hierarchien zu finden? Auch an Landschaften interes
siert mich nicht nur die rein ästhetische Seite, sondern was noch in Ausschnitten
und Konstellationen liegen kann. Wie stehen zwei Berge zueinander? Oder was
sagt eine solitäre Bergspitze aus? Dabei habe ich vor allem mit verschiedenen Mal-
und Zeichen-materialien experimentiert und es sind Mixed-Media-Bilder entstan
den. Auch wenn in den letzten drei Jahren eine Figur in die sehr figürlichen Bilder
Einzug gehalten hat, möchte ich gerne meine dazu parallel verfolgten abstrakten
Bilder fortsetzen und weiterentwickeln.
Dazu möchte ich während des Aufenthalts in Steinbeck das Material Papier als
Zeichnungsgrundlage und verschiedene Zeichenmaterialien untersuchen. Je nach
Beschaffenheit, wie beispielsweise der Oberflächenstruktur, Dicke oder Saugfä
higkeit, reagiert Papier anders auf diverse Zeichenmaterialien wie Graphit, Kohle,
Kreide oder Tusche. Jedes Zeichenmaterial verhält sich aufgrund seiner eigenen
Eigenschaften in Kombination mit der spezifischen Papieroberfläche unterschied
lich, was eine Vielzahl an interessanten Effekten und Wechselwirkungen ermög
licht. Diese Eigenschaften möchte ich gezielt erforschen und darüber hinaus das
Papier nicht nur als passiven Träger von Zeichnungen, sondern als aktives Element
in meinen Arbeiten einsetzen. Indem ich das Papier selbst bearbeite, will ich es
in den künstlerischen Prozess integrieren und die Grenzen zwischen Zeichnung
und Objekt auflösen. Dazu werde ich das Papier auch weiter bearbeiten und mit
Materialien verändern, vielleicht bis zur teilweisen Zerstörung, so dass vielleicht
eher Objekte entstehen als herkömmliche Zeichnungen. Ob es abstrakt oder land
schaftlich wird, wird sich vor Ort zeigen, da noch offen ist, in wie weit ich mit der
Bearbeitung des Papiers komme oder ob die Bearbeitung schon Resultat genug ist.
Mit Sicherheit werden die Zeichnungen oder Objekte landschaftlich inspiriert sein.

Kurz nach der Bewerbungsfrist erhielt ich die Zusage, im Frühling vier Wochen auf Hof Scharrlberg
in der Lüneburger Heide verbringen zu dürfen. Die ersten Tage verbrachte ich hauptsächlich mit
Spaziergängen, auf denen ich erste Inspirationen für meine Arbeit sammelte und auf dem Land
langsam ankam. Weit abgeschieden von der Großstadt hatte ich viel Zeit, ungestört zu arbeiten.
Die Ruhe und diese Zeit ohne Druck ließen viel Raum zum Experimentieren. Das Experimentieren
führte mich am Ende zu einem neuen Werk: Verfall und Strukturen. Eine Projektions-Installation
mit einem Diaprojektor, bei dem 80 Dias auf Endlosschleife laufen. In die Diarahmen habe ich
Pflanzenteile mit Schädlingsbefall, Pilzbefall, Alterungsspuren gelegt und arrangiert, so dass eine
unsystematische phytopathologische Aufnahme der Umgebung entstand. Außerdem fertigte ich
relativ großformatige abstrakte Zeichnungen an, die ihren Inspirationsursprung in der nahe
gelegenen Heidelandschaft hatten.
Das Zusammenleben und der künstlerische Austausch mit meiner Mitstipendiatin Verena war sehr
inspirierend und schön. Neben vielen kleinen, großen und tiefen Gesprächen gehörte das
gemeinsame abendliche Kochen zum Alltag.
Ich möchte mich bei den Stiftern für die Möglichkeit, so ungestört und frei arbeiten zu können,
herzlich bedanken