Mirela Fioresy
Projektskizze: RE/FRACTIONS
Das Projekt begann mit einer einfachen Beobachtung. Ich sass in einem fahrenden Bus, Regen glitt am Fenster entlang, und eine duenne Wasserschicht bog die vorbeiziehende Landschaft in fliesende Verzerrungen. Das Vertraute wurde instabil. Dieser Moment hat mich nicht losgelassen, weil er etwas ueber das Sehen selbst sagte: dass Wahrnehmung immer vermittelt ist, durch das Material der Welt und durch die eigenen Erfahrungen, die man mitbringt.
RE/FRACTIONS untersucht Wasser als brechende Linse, als etwas, das zwischen das Auge und die Welt gestellt wird und veraendert, was ankommt, ohne sich anzukuendigen. Es verzerrt die Realitaet nicht. Es zeigt, dass es keine einzige Realitaet gibt, die verzerrt werden koennte. Was Wasser erzeugt, einen gebogenen Baum, ein gebrochenes Spiegelbild, eine vervielfaeltigte Oberflaeche, ist kein falsches Bild. Es ist ein weiteres. Eines, das mit allen anderen koexistiert, gleichermassen gueltig, gleichermassen wahr. Es gibt mehrere Versionen von allem. Und sobald man das akzeptiert, stellt sich unweigerlich die naechste Frage: Wer entscheidet, welche wir die wirkliche nennen.
Auf dem Hof Scharrlberg werde ich die Landschaft durch verschiedene Wasserelemente fotografieren, die ich vor dem Objektiv platziere: Wasserglaeser, Tautropfen, Pfuetzen, die Oberflaeche des Flusses Luhe, den Badeteich, das Licht im Arboretum nach dem Regen. Jedes Element wirkt anders. Manche biegen, manche vervielfaeltigen, manche weichen auf, manche brechen das Bild in Fragmente. Das Foto entsteht bereits verzerrt, bereits durch das Wasser interpretiert, bevor ich eine einzige malerische Entscheidung getroffen habe.
Diese fotografischen Bilder werden zum Ausgangspunkt fuer Aquarellarbeiten auf Papier. Ich interpretiere die Verzerrungen frei, ohne das Original zu rekonstruieren. Ich folge dorthin, wohin das Wasser das Bild gefuehrt hat. Was entsteht, ist weder Dokumentation noch Abstraktion, sondern ein Bild, das zwei Verzerrungen durchlaufen hat: zuerst durch das Wasser, dann durch die kuenstlerische Neuinterpretation.
Das Projekt setzt eine Arbeitsmethode fort, die meiner Praxis durchgehend eigen ist: die Kollision unerwarteter Materialien und Sprachen. In "Water and Oil Don't Mix" (GlogauAIR Berlin, 2025) erforschte ich die Spannung zwischen Oel und Acryl auf derselben Oberflaeche, unvertraegliche Substanzen, die zur Koexistenz gezwungen werden. RE/FRACTIONS traegt diese Untersuchung weiter. Wasser bleibt im Zentrum, aber seine Rolle verschiebt sich. Hier ist die Kollision jene zwischen Wasser und Objektiv. Wasser als das Element, das das Bild abfaengt und neu rahmt, bevor es ueberhaupt entsteht.
Das Projekt wird in einer fotografischen Serie und einem Zyklus von Aquarellarbeiten auf Papier resultieren. Der Fluss Luhe, der Badeteich, der Wald und das Arboretum sind nicht durch einen anderen Ort zu ersetzen. Sie sind das spezifische Licht, das spezifische Wasser, die spezifische Stille, aus der dieses Projekt gemacht ist.