Mirela Fioresy

Statement

Die Residenz der Atelier-Stiftung Kunst und Natur war eine ausgezeichnete Erfahrung, sowohl künstlerisch als auch durch das Leben und Arbeiten an einem so besonderen Ort.

Der Hof bietet eine bemerkenswerte Ruhe und Schönheit, die ein echtes Eintauchen in die Umgebung und in die eigene Arbeit ermöglicht. Beeindruckt haben mich auch der großzügige Atelierraum und die hervorragend ausgestatteten Wohnräume, die zusammen exzellente Bedingungen für die künstlerische Arbeit und den Alltag bieten. Dr. Birgit und Thomas haben jede notwendige Unterstützung gegeben und uns gleichzeitig die Freiheit gelassen, unsere Projekte auf unsere eigene Weise und in unserem eigenen Tempo zu entwickeln.

Mein Projekt, Re|Fractions, fand hier ein ideales Umfeld für seine Entwicklung. Die umgebende Natur bot perfekte Orte für den fotografischen Teil der Arbeit, während die Zeit, die Stille und der Raum es mir ermöglichten, meine Experimente mit der nötigen Konzentration durchzuführen und die finalen Aquarelle zu entwickeln. Besonders bereichernd war es, das Projekt vollendet und in einer Abschlussausstellung am Ende der Residenz präsentiert zu sehen.

Als Teil einer Gruppe von drei Künstlern entstanden zudem viele spontane Begegnungen, von gemeinsamen Mahlzeiten bis zu Gesprächen über unsere Arbeitsprozesse. Es ist eine Residenz, die wirklich einen perfekten Raum für Konzentration, Experimentierfreude und künstlerische Entwicklung bietet, umgeben von Natur und getragen von einem durchdachten, gut strukturierten Umfeld.

Projektskizze: RE/FRACTIONS

Das Projekt begann mit einer einfachen Beobachtung. Ich sass in einem fahrenden Bus, Regen glitt am Fenster entlang, und eine duenne Wasserschicht bog die vorbeiziehende Landschaft in fliesende Verzerrungen. Das Vertraute wurde instabil. Dieser Moment hat mich nicht losgelassen, weil er etwas ueber das Sehen selbst sagte: dass Wahrnehmung immer vermittelt ist, durch das Material der Welt und durch die eigenen Erfahrungen, die man mitbringt.

RE/FRACTIONS untersucht Wasser als brechende Linse, als etwas, das zwischen das Auge und die Welt gestellt wird und veraendert, was ankommt, ohne sich anzukuendigen. Es verzerrt die Realitaet nicht. Es zeigt, dass es keine einzige Realitaet gibt, die verzerrt werden koennte. Was Wasser erzeugt, einen gebogenen Baum, ein gebrochenes Spiegelbild, eine vervielfaeltigte Oberflaeche, ist kein falsches Bild. Es ist ein weiteres. Eines, das mit allen anderen koexistiert, gleichermassen gueltig, gleichermassen wahr. Es gibt mehrere Versionen von allem. Und sobald man das akzeptiert, stellt sich unweigerlich die naechste Frage: Wer entscheidet, welche wir die wirkliche nennen.

Auf dem Hof Scharrlberg werde ich die Landschaft durch verschiedene Wasserelemente fotografieren, die ich vor dem Objektiv platziere: Wasserglaeser, Tautropfen, Pfuetzen, die Oberflaeche des Flusses Luhe, den Badeteich, das Licht im Arboretum nach dem Regen. Jedes Element wirkt anders. Manche biegen, manche vervielfaeltigen, manche weichen auf, manche brechen das Bild in Fragmente. Das Foto entsteht bereits verzerrt, bereits durch das Wasser interpretiert, bevor ich eine einzige malerische Entscheidung getroffen habe.

Diese fotografischen Bilder werden zum Ausgangspunkt fuer Aquarellarbeiten auf Papier. Ich interpretiere die Verzerrungen frei, ohne das Original zu rekonstruieren. Ich folge dorthin, wohin das Wasser das Bild gefuehrt hat. Was entsteht, ist weder Dokumentation noch Abstraktion, sondern ein Bild, das zwei Verzerrungen durchlaufen hat: zuerst durch das Wasser, dann durch die kuenstlerische Neuinterpretation.

Das Projekt setzt eine Arbeitsmethode fort, die meiner Praxis durchgehend eigen ist: die Kollision unerwarteter Materialien und Sprachen. In "Water and Oil Don't Mix" (GlogauAIR Berlin, 2025) erforschte ich die Spannung zwischen Oel und Acryl auf derselben Oberflaeche, unvertraegliche Substanzen, die zur Koexistenz gezwungen werden. RE/FRACTIONS traegt diese Untersuchung weiter. Wasser bleibt im Zentrum, aber seine Rolle verschiebt sich. Hier ist die Kollision jene zwischen Wasser und Objektiv. Wasser als das Element, das das Bild abfaengt und neu rahmt, bevor es ueberhaupt entsteht.

Das Projekt wird in einer fotografischen Serie und einem Zyklus von Aquarellarbeiten auf Papier resultieren. Der Fluss Luhe, der Badeteich, der Wald und das Arboretum sind nicht durch einen anderen Ort zu ersetzen. Sie sind das spezifische Licht, das spezifische Wasser, die spezifische Stille, aus der dieses Projekt gemacht ist.